„Mythos Bayerische Tracht“
Hartmann ist Erster Sprecher des Hauptvorstands des 1900 gegründeten GTuHV "Neuschwanstoaner Stamm Füssen“. 2017 erweiterte er die Vereinstracht um das „Historische Fiassar Bürgergwand“ in Anlehnung an Zeichnungen von 1850. 2020 rief er das Allgäuer Heimatwerk als ein durch die Bundesregierung gefördertes Projekt ins Leben. 2020 bis 2021 zeichnete er für die erfolgreiche Umsetzung der Sonderausstellung „Sehnsucht nach Heimat – Trachtenkultur im Füssener Land“ im Museum der Stadt Füssen mit 13.000 Besuchern verantwortlich.
Herkunft des Begriffs Tracht und dessen Wandel im Lauf der Jahrhunderte
Der Urbegriff Tracht entstammt dem althochdeutschen Wort „Tragen“. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dienten Ordens-, Zunft- und Standestrachten hauptsächlich der Erkennung um zu wissen, zu welchem Beruf oder Stand sie angehörten.
Weiterführend wurde der „Brockhaus“ wie folgt zitiert: „Als ‚Volkstracht‘ gilt eine regional geprägte Kleidung der ländlichen Bevölkerung, deren Differenzierung auf territorialer und geographischer Abgrenzung beruht. Die meisten Volkstrachten entstanden im 18. Jhd. als Gegenbild zur bürgerlich-städtischen Mode und verbanden traditionelle mit zeitmodischen Elementen. Leider wurde diese lebendige Kleidung bereits im Laufe des 19. Jhds. wieder aufgegeben und wurde später als Wunschbild einer heilen, bäuerlichen Welt zum Gegenstand traditionsstiftender Trachtenpflege.“
Die Tracht zu Anfang des 19. Jahrhunderts
Während der französischen Revolution schnitt man den Perücken des Adels und Klerus bewusst die Zöpfe ab, um so alle Menschen, egal ob Fürst, Pfarrer oder Bauer, gleich zu stellen: die Redensart „Alte Zöpfe abschneiden“ war geboren.
Mit der napoleonischen Besatzung Bayerns erfasste ab 1800 der Gedanke von „Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit“ auch unser Bayernland. Französische Soldaten waren präsent, ein neues Rechts- und Schulsystem wurde implementiert, die französische Sprache war tonangebend. Mit dem Empire-Kleidungsstil hielt auch in der Mode frischer Wind Einzug: spätestens ab 1806 waren leichte Kleider aus feinen Stoffen (wie Seide, Chiffon) aus Frankreich angesagt.
Doch nicht alle fanden Frankreich und Napoleon (und seine Mode) gut. Bald regte sich in deutschen Landen Widerstand auf vielen Ebenen. Und so entstand, quasi als Graswurzelbewegung auch in Bayern eine Rückbesinnung unter den Menschen auf die „gute alte Zeit“ und den Stolz auf die „eigene“ Nation. Es entstanden Nationaltheater und Nationalmuseen, um sich bewusst abzugrenzen vom „französischen Usupator“ Napoleon.
Gezeigt wurde diese stumme Revolte auch, in dem die bayerische Jugend eine bewusst revolutionäre Rückbesinnung auf die Werte vorhergehender Generationen zur Schau trug und sich in so genannte „Alttheutscher Tracht“ kleidete und öffentlich zeigte. Diese berief sich auf Akzente aus der Renaissance (u.a. mit großen Spitzenkrägen) und national hergestellten Stoffen wie Wolle, Leinen und Samt.
Federführend für eine ganze Generation ließ sich Kronprinz Ludwig (1786-1868, König 1823-1848) zusammen mit seiner zukünftigen Gattin Therese von Sachsen Hildburghausen (1792-1854) in diesem Modestil portraitieren mit dem Ziel, optisch gegen Frankreich zu revoltieren.
Das noch junge Königreich Bayern nahm die Hochzeit des Kronprinzenpaars zum Anlass, um mit einem großen Hochzeitszug von München „hinaus“ zur Theresienwiese die neue Einigkeit der bayerischen Stämme (Altbayern, Franken, Pfalz und Schwaben) unter der Dachmarke einer „bayerischen Tracht“ zu zeigen.
Im Festzug liefen in die damalige (!) Mode der einzelnen Regionen gekleidete Kinder als „Mini-Hochzeitszugs-Teilnehmer“ mit und erfreuten die Menschen: Die Tradition des Oktoberfests mit dem dazugehörigen Trachtenzug und der Mythos Tracht waren geboren.
Gleichzeitig manifestierte das Königreich Bayern eindrucksvoll, dass man selbst in der Mode nicht von Frankreich abhängig war!
Adel als Vorbild
Ab 1823 begab sich der bayerische König Maximilian I. Josef (1756-1825, König ab 1806) mit Hofstaat zur Sommerfrische in das neu erworbene und umgestaltete Schloss Tegernsee. Dem angereisten europäischen Hochadel wurde hier – fernab vom höfischen Protokoll – vermeintlich authentisches Brauchtum und Nähe zum Volk präsentiert.
Zum Amusement bedienten König und Königin als ländlich gekleidete Wirtsleute selbst die hohen Gäste. Man speiste auf Gut Kaltenbrunn, begab sich auf die Königsalm sowie dem Schloss in Wildbad Kreuth.
Zur Unterhaltung holte man junge Burschen und Dirndl aus der Region, die bei diesen Anlässen die so genannten „Tyroler Tänze“ (Schuhplattler, Landler, etc.) zeigten. Damit schufen die Wittelsbacher den Vorläufer unserer „Heimatabende“ und manifestierten erstmals „ortstypische“ Bräuche.
Maximilian von Bayern (1811-1864, König ab 1848) war als Kronprinz der erste Wittelsbacher, der sich in den Bergen ab und zu in kurzen Lederhosen zeigte, wobei seine Knie noch züchtig mit langer Unterwäsche bedeckt waren.Bei seiner Hochzeit 1842 mit Prinzessin Marie von Preussen erfolgte eine Wiederaufnahme des Hochzeitszugs von 1810: Dieses Mal mit Erwachsenen aus allen bayerischen Regionen, die erneut in örtlich geprägter Hochzeits-Kleidung im Festzug dabei waren.
Bereits 1846 ließ er Maler in alle Ecken Bayerns reisen, um die Menschen in so genannten Genre-Bildern zu portraitieren. Erstmalig werden nun die abgebildeten Menschen in ihrer „örtlichen“ Tracht gezeigt und die Begrifflichkeit einer „ortstypischen Tracht“ entsteht.
Als König band er Trachtenträger offiziell in sein Hofzeremoniell ein und schrieb 1849, dass er in der Erhaltung der Volkstrachten eine "große Wichtigkeit" sieht, "um auch in Bayern das Nationalgefühl des Volkes zu heben und zu kräftigen" und verfügte zum Abschluss dieses frühen Trachten-Forschungsprojekts 1853 den Erlass zur "Förderung der Nationaltrachten".
Erstmals liegen damit dank dem Wittelsbacher Herrscher Zeichnungen und Bilder vor, die Menschen in ihrer damaligen Kleidung abbilden und nach Orten gegliedert werden.
König Ludwig II. von Bayern - selbst kein Trachtenträger - genehmigte am 10.4.1886 auf Schloss Hohenschwangau den Antrag des Lehrer Joseph Vogl zur Gründung eines Vereins zur Erhaltung der Volkstracht in Bayrischzell. Schmunzelnd verwies Richard Hartmann damit auf den Fakt, dass der allererste bayerische Trachtenverein durch den König vom Allgäu aus gegründet wurde.
Mit Prinzregent Luitpold von Bayern trägt nunmehr erstmalig „höchst offiziell“ ein bayerischer Monarch bei öffentlichen Anlässen auf dem Land und zur Jagd eine kurze Lederhose und graue Joppe. Er lässt sich auch damit portraitieren und dieses Bild bayernweit in Amtsstuben aufhängen.
Denn mit diesem optischen Signal begab sich der Wittelsbacher auf Augenhöhe mit seinem Volk und überging damit elegant den Verdächtigungen über mögliche Verbindungen zwischen ihm und dem Tod seines Neffen Ludwig II.
Tracht im 20. Jahrhundert
Der Erfolg der bayerischen Trachtenbewegung war nicht mehr aufzuhalten: Zwischen 1886 und 1900 gründeten sich 50 Vereine, zuerst im Oberland, dann in München sowie u.a. auch in Immenstadt und Füssen.
Anhand der lückenlosen Dokumentation der Neuschwanstoaner zeigte Hartmann exemplarisch auf, wie sich die Miesbacher Tracht auch in Füssen etablieren konnte und sich als „ortstypisch und authentisch“ durchsetzte: Mit zunehmender Industrialisierung entstanden an Lech und Iller Fabriken mit jungen Arbeitskräften aus Altbayern und Böhmen.
Die jungen Leute brachten Kleidung, Musik und Bräuche mit. Schuhplattelnde Burschen in kurzen Lederhosen umgarnten die jungen Frauen. Um Konflikte der konventionell-strikten Geschlechtertrennung zu untergraben gründete man einen „Trachtenerhaltungsverein“. So konnte sich die Jugend unter dem Deckmantel der wohlwollenden Überwachung der Vereinsmutter treffen.
Bald exportierten die jungen Arbeiter diese Idee in die umliegenden Dörfer und gründeten weitere Vereine. Damit verfestigt sich die Idee, dass jeder Verein sich unterscheiden muss und entsprechend andere Farben in der Tracht zu tragen hat.
1920 schafft der Obere Lechgauverband mit Sitz in Füssen bei seiner Gründung Statuten und einheitliche Regeln für Trachten in seiner Region: die (ehemals) graue Joppe wird nun forstgrün. Ferner werden „regionale“ Stoffe (Samt- oder Wollmieder, Wollrock) vorgegeben und der Anspruch, dass die Schultertücher der Frauen mit Alpenblumen zu besticken sind. Auch die mit Edelweiß bestickten Hosenträger der Männer entstehen in dieser Zeit und prägen seither das Bild des Allgäu’s.
Die ursprünglich bunte Vielfalt der Historischen Bürgerkleidung der Region wich so bedauerlicherweise einer zunehmenden Uniformierung. Diese wurde beflügelt durch einheitliche Schnittmuster und Trachtenröcke und -Joppen, die aus dem gleichen Stoffballen geschneidert wurden, was praktischen und kostensparenden Gründen zu danken ist.
Instrumentalisierung der Vereine ab 1920
Bereits in der Weimarer Republik prallen erneut (s. 1800) Welten aufeinander. Bewahrer der „guten alten Zeit“ treffen auf „Modernisten“. Die Frauen schneiden ihre Haare zum „Bubikopf“, die Röcke rutschen auf Kniehöhe.
Im Gegensatz dazu bewahren Trachtenvereine die Erinnerung an die Monarchie und deren monarchisches Gepränge. Exemplarisch wurde erwähnt, dass der heutzutage als geradezu selbstverständlich aufgeführte „Kronentanz“ erst in der Mitte der 1920er Jahre entstanden ist, als „Ableger“ des Münchner Schäfflertanzes.
Bedauerlicherweise wurden alle Trachtenvereine ab 1933 in der „Kraft-durch-Freude“-Propaganda-maschinerie eingegliedert. Mit Sonderzügen angekarrten Gästen aus dem ganzen Reich wurde bei vermeintlich authentischen „Allgäuer Heimatabenden“ sprichwörtlich vorgegaukelt, wie die heile Welt in den Bergen aussieht: Jodelnde Trachtlerinnen und Trachtler tanzten nach „altüberlieferten“ Bräuchen und Tänzen.
Dass es diese in Füssen vor 1900 überhaupt nicht gegeben hatte und erst durch oberbayerische Fabrikarbeiter importiert wurden, war dabei Nebensache.
Wirtschaftswunderjahre
Bereits ab Herbst 1945 lebt das Füssener Vereinsleben wieder auf. Quartalsweise berichtet die Vorstandschaft der amerikanischen Verwaltung über neue/alte Mitglieder zur Durchleuchtung derer Vergangenheit im Dritten Reich.
Gleichzeitig belebt sich der Tourismus mit der Währungsreform von 1948: viele Menschen reisen wieder nach Bayern und das Allgäu. Heimatfilme, Sehnsucht nach heiler Welt und Heimatabende heilen dabei die Seelen. Das nunmehr geläuterte Publikum möchte die „Heile Welt“ zu sehen bekommen, die ihm vor dem Krieg als „authentisch“ präsentiert und vorgegaukelt wurde.
In den nächsten dreißig Jahren liefern so z. B. die Füssener Trachtler bis zu 40 Heimatabende pro Jahr mit dreistündigem Programm und erfreuten die angereisten und langsam älter werdenden Gäste aus Nah und Fern. Dies war in Füssen die „Hoch-Zeit“ einer vermeintlichen Brauchtumspflege, deren Ursprünge in den 1930er Jahren lagen und die ohne kritisches Hinterfragen bis in die 1980er Jahre anhielt.
Wie geht es weiter?
In ganz Bayern prägen Trachtenvereine mit gelebter Pflege von Bräuchen und dem Tragen von Trachten das Ortsbild. Sie sind willkommene Vermittler eines positiven Bildes und werden deshalb immer gern von Bürgermeistern, Landräten und der Staatsregierung bei öffentlichen Anlässen präsentiert.
Oft erfahren unsere Trachtenvereine dabei nicht die gleiche Wertschätzung wie Feuerwehr, Musikkapelle, Sport- oder Schützenverein. Umso wichtiger ist es, dass unsere Trachtenbewegung in Gemeinden, Städten und Landkreisen das Bewusstsein stärker manifestiert, dass es genau wir „Trachten-Träger“ sind, die mit unserem ehrenamtlichen Engagement den größten kulturellen Beitrag in der Außenwirkung einer Stadt und Gemeinde zeigen.
Die öffentliche Unterstützung durch die Heimat-Gemeinden in vielen Bereichen, wie z. B. bei Archivierung, Forschung, Dokumentationen und Ausstellungen sollte deshalb geradezu selbstverständlich sein.
Ein weiteres anspruchsvolles Thema ist, wie jungen Leuten vermittelt werden kann, was Tracht, Brauchtum und Tradition bedeuten. Fundamentale Grundsätze wie Tracht, Frisur, Kleiderordnungen oder die verpflichtende Teilnahme an (katholischen) Gottesdiensten überfordern Trachtenwarte, junge Leute und neue Mitglieder gleichermaßen. Ein Verschanzen hinter einem „Das war immer schon so“ sollte dabei eher einem „Wie sichern wir gemeinsam die Zukunft unseres Vereins“ weichen.
Dabei sind leider auch Aktionen der Bayerischen Staatsregierung nur dann erfolgreich, wenn die Protagonisten auf beiden Seiten aktiv und stetig weiter machen. So versucht das Projekt „Mundart wertvoll“ des Wertebündnis Bayern, in bayerischen Schulen Dialekt- und Brauchtumspflege neu aufzubauen, bzw. zu erhalten. Andererseits versanden in vielen Schulen diese wirklich guten Aktionen aufgrund des mangelnden Interesses des Lehrkörpers. Auch das zunehmende Desinteresse der Musikschulen, immer weniger Volks- oder Blasmusik unterrichten und somit auch keinen Nachwuchs für Zither, Harfe, Hackbrett oder Blechinstrumenten fördern, ist nicht hilfreich.
Die Jugendarbeit per se, als auch die Unterstützung unseres ehrenamtlichen Engagements sollten deshalb Ziele des Verbands sein für die nächsten Jahre. Denn wir Trachtler sind „DAS“ freundliche Gesicht unserer Heimat und dienen als repräsentatives Aushängeschild der Staatsregierung in der ganzen Welt.
Richard Hartmann