Heimat.Haltung.Tracht

Ein Bericht von Silvan Hecht, „Koordinierungs- und Fachstelle Demokratie Leben! Kempten

Mit der Podiumsdiskussion „Heimat. Haltung. Tracht. – Wie Vereine Tradition und Demokratie leben“ ist am 4. August die Veranstaltungsreihe im neuen Ort der Demokratie im Haus International erfolgreich gestartet. Mehr als 50 Gäste kamen zusammen, um über Heimat, Brauchtum, Vereinsleben und demokratische Verantwortung ins Gespräch zu kommen.

Zur Begrüßung führte Silvan Hecht von der Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“ Kempten in den Abend ein. Er hob die besondere Bedeutung des Vereinswesens für eine lebendige Demokratie hervor: Vereine sind Orte, an denen Menschen Gemeinschaft erleben, Verantwortung übernehmen, Regeln gemeinsam aushandeln und demokratische Strukturen praktisch erfahren. Anlässlich der bevorstehenden Allgäuer Festwoche rückte der Abend besonders Heimat- und Trachtenvereine in den Mittelpunkt.

Katharina Trenkle und Silvan Hecht begrüßen die Gäste zum Auftakt von „Heimat. Haltung. Tracht.“ Foto: Anna Trenkle

Anschließend stellte sich Katharina Trenkle vor, die das Podium moderierte und als Koorganisatorin für das Projekt „Tradition mit Zukunft“ der Georg-von-Vollmar-Akademie beteiligt war. Den kulturellen Auftakt gestaltete der Burgberger Trachtenverein mit einem Schuhplattler-Auftritt. Sieben Paare tanzten, begleitet von einem Akkordeon, während das Publikum fleißig im Takt mitklatschte.

Im Anschluss begann die Podiumsdiskussion mit Günter Frey, 1. Landesvorsitzender des Bayerischen Trachtenverbands, Dr. Daniela Sandner vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e. V. und Franziska Limmer vom Bergmännle-Trachtenverein Kempten. Katharina Trenkle führte souverän durch die Diskussion und öffnete immer wieder den Raum für unterschiedliche Perspektiven.

Der Burgberger Trachtenverein eröffnet den Abend mit einem Schuhplattler. Foto: Anna Trenkle

Günter Frey machte deutlich, dass Trachtenvereine ein Spiegel der Gesellschaft sein sollten. Für ihn bedeutet das auch, dass sich alle Bevölkerungsgruppen in Trachtenvereinen willkommen und aufgehoben fühlen können. Zugleich erkannte er an, dass Begriffe wie Heimat, Tradition und Tracht politisch aufgeladen sind – auch durch rechtsextreme Vereinnahmungsversuche und ihre historische Rolle in der NS-Zeit. Gerade deshalb, so Frey, sei es wichtig, dass Vereine selbstbewusst für einen offenen Heimatbegriff eintreten.

Dr. Daniela Sandner ergänzte die Diskussion immer wieder um eine wissenschaftliche Perspektive. Sie betonte, dass rechtsextreme Einstellungen in Teilen der Gesellschaft präsent sind und sich dies auch in Vereinen widerspiegeln kann. Eine systematische oder gesteuerte Unterwanderung von Trachtenvereinen sieht sie aktuell nicht, mahnte jedoch zu Wachsamkeit. Zugleich sprach sie sich dafür aus, dass Heimat- und Trachtenvereine aktiv auf neue und vielfältige Zielgruppen zugehen sollten.

Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Heimat, Tradition, Vereinsleben und demokratische Verantwortung. Foto: Anna Trenkle

Auch Franziska Limmer machte deutlich, wie wichtig Vereinsarbeit für demokratisches Miteinander sein kann. Besonders die Jugendarbeit in Vereinen biete die Chance, Gemeinschaft, Verantwortung, Mitbestimmung und gegenseitigen Respekt früh erlebbar zu machen.

Ein interaktiver Teil brachte zusätzlich Bewegung in den Abend: Das Publikum konnte zu verschiedenen Thesen mit grünen und roten Karten Zustimmung oder Ablehnung zeigen. Besonders deutlich fiel die Zustimmung bei den Aussagen aus, dass sich Trachtenvereine aktiv um Menschen mit Migrationsgeschichte bemühen sollten und dass ein Verein klar gegen Rechtsextremismus Stellung beziehen kann, ohne seine politische Neutralität zu verlieren.

In der anschließenden Fragerunde ging es unter anderem um regionale Unterschiede von Trachten, um die Allgäuer Gebirgstracht und die erneuerte schwäbische Tracht sowie um die Frage, wie sich das Tragen von Dirndl und Lederhose außerhalb klassischer Trachtenvereine einordnen lässt. Dabei wurde deutlich: Zwischen Vereinstradition, persönlichem Kleidungsstil und Festkultur gibt es Unterschiede – aber auch Chancen, über solche Zugänge neue Menschen für Brauchtum und Vereinsleben zu gewinnen.

Zum Abschluss bedankte sich Silvan Hecht bei der Moderation, den Podiumsgästen, dem Burgberger Trachtenverein und den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern. Bei einem gemütlichen Umtrunk gab es anschließend Gelegenheit, Gespräche fortzusetzen und eigene Gedanken einzubringen.

Katharina Trenkle im Gespräch mit Franziska Limmer und Günter Frey nach der Veranstaltung. Foto: Anna Trenkle

Die Veranstaltung war eine Kooperation von Demokratie leben! Kempten mit dem Projekt „Tradition mit Zukunft“ der Georg-von-Vollmar-Akademie, gefördert vom Bundesministerium des Innern im Rahmen des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“.

Ort der Demokratie

Die Reihe im „Ort der Demokratie“ wird in den kommenden Monaten fortgesetzt und lädt weiterhin dazu ein, Demokratie vor Ort gemeinsam zu erleben, zu diskutieren und mitzugestalten.

Am 22. September steht beim Vortrag „Verein(t) Demokratie verteidigen!“ die Frage im Mittelpunkt, wie Vereine, Ehrenamtliche und Engagierte handlungsfähig bleiben können, wenn Rechtsextremismus im Alltag, im Verein oder im öffentlichen Raum sichtbar wird. Gemeinsam mit der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern geht es um Strategien, Handlungsmöglichkeiten und konkrete Unterstützung.

Am 13. Oktober folgt die „Ideenwerkstatt Kempten“. Hier sind alle eingeladen, eigene Gedanken, Wünsche und Vorschläge für das Zusammenleben in Kempten einzubringen – ganz gleich, ob es sich um eine erste Idee, eine Beobachtung aus dem Alltag oder bereits um einen konkreten Vorschlag handelt.

Am 10. November informiert eine Fragerunde zur Ausschreibung „Ort der Demokratie 2027“ über die Möglichkeit, sich mit einem eigenen Ort oder Konzept zu bewerben. Die Veranstaltung richtet sich an Vereine, Einrichtungen, Treffpunkte und Initiativen, die Demokratie an ihrem Ort sichtbar und erlebbar machen möchten.

Alle Veranstaltungen finden im Haus International statt. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung über die vhs Kempten ist nicht erforderlich, wird zur besseren Planung jedoch empfohlen.

Zurück