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Hintergrund

In der Nacht vom 5. zum 6. Dezember "legt der Nikolaus den Kindern ein". An diesem Brauch hat sich seit Generationen kaum etwas geändert. Früher war der Nikolaustag oft der alleinige Schenktag in der Weihnachtszeit. Heute noch stellen die Kinder am Abend Teller oder Schuhe als stumme Aufforderung vor die Tür. In einzelne Familien kommt der Nikolaus mit oder ohne dem "Ruep", dem Knecht Ruprecht. So sehr der Heilige und der Krampus zuweilen die Kinderherzen mit Angst und Bangen erfüllen, erwartet werden sie noch immer. In der Stadt begegnet der Nikolaus den Kindern oft nur noch im Kaufhaus. Gegen den geschäftlichen Spürsinn moderner Kaufleute konnte die Anziehungskraft dieser Legendengestalt nicht bestehen.

Schon zur Zeit der Jahrhundertwende hatte nur noch der ältere Teil der Bevölkerung eine Erinnerung an den Nikolo, der in einem farbenprächtigen, mit glitzernden Sternen besäten Mantel auf einem Schimmel von Haus zu Haus ritt. Damals zeigte sich nach Anbruch der Dunkelheit niemand mehr auf der Gasse. "Der Heilige reitet" tuschelten die Stimmen hinter den Stubenfenstern. Zuweilen hatte jede Dorfschaft ihren Heiligen. Das Roß, das ihn zum Stolz seines Besitzers trug, durfte nur ein Schimmel sein. "Seid´s staad, da Nikolo reit vorbei!" Mit dieser Mahnung konnte noch vor einer Generation manche Mutter an Adventsabenden die Unrast ihrer Kinder bändigen.

Die Nikolausverehrung reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück; sie lässt sich vor allem an Orten mit Flussverkehr nachweisen. Sankt Nikolaus war der Patron der Schiffer, Flößer, Fischer und Kalkbrenner. Er gilt noch als Helfer in Wassernöten und als Schutzherr der Brücken. Die Salzschifffahrt auf dem Inn und auf der Salzach stand früher unter seinem Patronat. Sankt Nikolauspatrozinien bestehen im Dekanat Chiemsee in Rimsting, im Dekanat Wasserburg bei Albaching und in Hohenburg. Die Nikolauskirche in Rosenheim wurde Anfang des 13. Jahrhunderts erbaut. Im Jahre 1348 stiftete ein Bürger ein Benefizium, am 1. Mai 1499 bestätigte der apostolische Protonator bei der Kurie in Rom den vom "Rate gestifteten herkömmlichen Umgang mit dem Allerheiligsten am Nikolaustag". Schiffleutebruderschaft gab es im Rosenheimer Bezirk in Unterflintsbach und in Neubeuern. In Tölz begingen die Flößer und Kalkbrenner schon um 1500 ihren "Nicolaijahrtag" in der Pfarrkirche. In dem Flößerort Mittenwald wurde schon 1398 auf dem Altar der Sankt Nicolai-Pfarrkirche eine "ewige tägliche Frühmesse gestiftet, 1473 aufgebessert und vom Freisinger Bischof konfirmiert".

Bis in die Zeit der Christianisierung geht die Verehrung des Hl. Nikolaus als Rosspatron zurück. Die Bauern brachten früher ihre Pferde am 6. Dezember zu den Nikolauskirchen und -kapellen zur Segnung.

Sankt Nikolaus nahm sich der Armen an. Zur Erinnerung an seine Gebetfreudigkeit verteilten viele Klöster alljährlich an seinem Namenstag Naturalspenden. Die Chronik von Frauenchiemsee berichtet aus dem Jahre1560: "Erstlichen an sanct Niclastag oder am Sonntag darvor gibt man bei Niclaskirchen einem jeden Menschen ein Laibl prot, darzue pacht man ain ofen vol prot." Auch die Abtei Seeon kannte die "Nicolai Spendt" in Form eines schwarzen Laibl Brot und einer Portion Fleisch. In der Probstei Fischbachau waren noch 1792 Nikolausgeschenke an die "Religiosen" und Dienstboten üblich.

Bis tief ins 19. Jahrhundert brachte nicht das Christkind, sondern Sankt Nikolaus die weihnachtlichen Gaben. Ein Rosenheimer Nikolausmarkt wird schon im Jahre 1392 als "herkömmliche" erwähnt. Der Vorläufer des Münchner Kripperlmarktes und der Weihnachtsdult war ebenfalls ein Nikolausmarkt, der bis 1597 in der Neuhauser Straße vor der ehemaligen Nikolauskapelle (spätere Michaelskirche) und dann auf dem Max-Josephs-Platz abgehalten wurde. Welch großen Zuspruchs sich dieser Markt erfreute, zeigte eine "Polyzeiübersicht" von München aus dem Jahre 1805, die mehr als 200 Verkaufsstände erwähnt.

In Neumarkt an der Rott (Mühldorf) falteten früher die Ministranten für die Ortsgeistlichen Papierschiffchen - für den Pfarrer aus Gold-, die Kapläne aus Silberpapier - und legten sie mit einem selbstgedichteten Nikolausvers vor die Haustür.

Heiliger Nikolaus leg mir ein,
was dein guter Will´ mag sein;
ich will nicht viel begehr´n,
Sankt Nikolaus könnt sonst unwillig wern.

Am Nikolausabend holten dann die Buben die gefüllten Schifflein ab. Sogar die Klosterfrauen warben um die Mildtätigkeit des Heiligen. Während der Vigil hängten sie einen neuen Strumpf an die Zellentür der Äbtissin und empfahlen sich in einem kurzen Brief der Gunst des Hl. Nikolaus. Am Nikolausmorgen fanden sie dann den Strumpf mit Lebzelten und einigen bescheidenen Kleinigkeiten angefüllt.

Im Gefolge des Nikolaus und des Knecht Ruprecht erschien in früherer Zeit in der Gegend des Landkreises Mühldorf die furchterregende Gestalt der "böhmischen Geiß" (auch Habergeiß genannt). Bürgermeister Otto Senflt aus Schönberg hat zu dieser vorweihnachtlichen Schreckgestalt folgenden Bericht gegeben: "Zwei Burschen stellten die Geiß dar. In gebückter Stellung hatten sie sich eine Plane oder ein Leintuch umgeworfen. Der Hintermann hielt sich am Vordermann fest. Eine Kreuzhacke diente als zwei Hörner. Seitlich waren zwei größere Löcher als Augen ausgeschnitten. Zuerst trat der Nikolaus, dann Knecht Ruprecht, der die böhmische Geiß am Strick oder an der Kette führte, ins Zimmer. Wenn diese Dämonengestalt aus vorchristlicher Zeit ins Haus trat, war die Hölle los. Nach der Predigt des Nikolaus tobte die Geiß wie besessen in der Stube umher."

Der Forscher Hans Schlappinger weiß 1934 von der Nikolaus-Begleiterin Habergeiß zu berichten: "Die Gestalt hat ein schwarzes Gesicht und ist mit Ziegenfell bekleidet. Um recht hoch springen zu können, trägt sie Matratzenfedern unter den Füßen. Bei Einbruch der Dunkelheit wirft die Habergeiß den Kindern die Kette unter die Füße und schlägt heftig zu. Die Habergeiß tritt auch zur Erntezeit, beim Drischelbier, an Fasching und an Walburgis in anderer, weniger bösartiger Form auf. Als zottiges, unberechenbares Ungeheuer kennt man sie vor allem um die Nikolauszeit. Kinder wurden von ihr sogar zum nächsten Weiher mitgenommen und bis zur Körpermitte unter Wasser getaucht."

Ausschnitt aus dem Buch "Drudenhax und Allelujawasser - Volksbrauch im Jahreslauf"
Von Franziska Hager und Hans Heyn.
Rosenheimer Verlagshaus