Wendelstein-Wetterwarte stellt nach 129,9 Jahren Betrieb ein

15.09.2012 07:40 von Anton Hötzelsperger

Ihr 130. Jubiläum wird die Wetterwarte nicht mehr feiern können

Seit 1883 gibt es im damals neu errichteten Wendelsteinhaus die Aufzeichnung von Wetterdaten durch menschliche Aktivitäten. Doch damit ist bald Schluss. Das 130jährige Jubiläum dieser Naturbeobachtungen auf der 1.838 Meter hoch gelegenen Station kann nicht gefeiert werden.

Nach Beschluss des zuständigen Deutschen Wetterdienstes, welcher dem Bundes-Verkehrsministeriums unterliegt, wird die Wetterwarte vom Wendelstein zum 22. September 2012 offiziell geschlossen. Danach wird sowohl die personelle Besetzung als auch die automatische Ermittlung von Wetterdaten komplett eingestellt und die Geräte zurückgebaut. Guter Grund, noch einmal bei der Wetterstation auf dem Wendelstein vorbeizuschauen und das persönliche Gespräch zu suchen. Das Wetter ist nach einem Gewitter- und Regentag etwas trüb. Das passt auch zur Stimmung der noch verbliebenen vier von ehemals sechs Beamten, die auf dem Wendelstein bei der Wetterstation und damit beim Deutschen Wetterdienst angestellt sind. Ausgerechnet heuer zum 100jährigen Jubiläum der Wendelsteinbahn kam die Nachricht von der Wetterdienstzentrale in Offenbach, dass mit der Aufzeichnung von Wetterdaten auf dem Wendelstein Schluss ist.

Wir treffen an diesem Tage Claudia Hinz an, sie hat wie so oft Schichtdienst und ist ganz allein in der Wetterstation. Frau Hinz hatte bis vor kurzem noch fünf Kollegen, seit 2003 war die Wetterstation rund um die Uhr besetzt. Kostengründe werden aus dem Bundesverkehrsministerium als Argumente genannt. Ganz kann dies Frau Hinz nicht nachvollziehen. Einmal wurden erst vor kurzem finanziell aufwendige Verbesserungen an der Wetterstation vorgenommen. Und dann müssen die Wetterdienst-Beamten andernorts übernommen werden. Ein Kollege mit Haus und Familie in Bayrischzell muss für die nächsten eineinhalb Jahre bis zu seiner Pensionierung nach Helgoland „pendeln“. Claudia Hinz, die als Technische Assistentin für Meteorologie vor zehn Jahren aus Chemnitz ins Rosenheimer Land und auf den Wendelstein kam, wird einen Posten auf dem Fichtelberg im Erzgebirge annehmen, der eigentlich erst in zwei Jahren „frei“ ist. Was die gelernten Meteorologen aber am meisten weh tut, das sind fachliche Inhalte. Die Schließung der Wetterstation hat Folgen und Konsequenzen, denn eine Augen-Beobachtung ist technisch nicht ersetzbar. Das zeigte sich zum Beispiel als die Wetterstation wegen eines Wasserschadens drei Monate lang evakuiert werden musste. Die während dieser Zeit technisch aufgezeichneten Messwerte waren falsch und mussten aus der Statistik herausgenommen werden.

Schließlich sorgen die Leute auf der Wetterstation, dass die Meßgeräte in einwandfreiem Zustand sind, vor allem im Winter bei Schnee und Eis. Auch bei Blitzschlag gibt es oft menschlichen Handlungsbedarf, wenn Strom und Technik ausfallen. Die Beobachtung der Wolkenobergrenze für kurzfristige Entscheidungen zum Beispiel für den Kleinflugverkehr oder für den Fahrbetrieb der Zahnradbahn kann nur mit den Augen erfolgen. Die Wetterstation auf dem Wendelstein hat für die Region und darüber hinaus wesentliche Funktionen. Gemessen werden unter anderem die Schneehöhe und die Schnee-Beschaffenheit für die Lawinendienste. Wenn Höhen-Wind-Messungen wegfallen, unter anderem für die Drachen- und Gleitschirmflieger an der nahen Hochries am Samerberg, dann stehen hierzu keine aktuellen, aber dringend erforderlichen Daten für die Flugschulen zur Verfügung. Auch die Grunddaten für die Hagelflieger sind nun nicht mehr im Internet abrufbar. Technik allein kann das Entscheidende, nämlich die Entstehung und Ortung der Hagelzelle in den Wolken nicht so erwischen wie ein Menschenauge.

Seitdem bekannt ist, dass die Wetterwarte schließen wird, hat es viele Proteste aus der Bevölkerung, u.a. auch von Professoren und Fachleuten gegeben. Auch die Bauern oder die Verantwortlichen von Veranstaltungen und der Tourismus insgesamt können in Zukunft nicht mehr mit der personenbesetzten Wetterstation telefonieren, um sich über die aktuelle Lage der Wetterentwicklung zu informieren und auszutauschen. Fachlich tragisch ist nach Ansicht von Frau Hinz auch der Umstand, dass die Wetterstation auf dem Wendelstein die einzige in rund 2.000 Metern Höhe war. Die bemannte Messstation auf der Zugspitze liegt bei fast 3.000 Metern und eine weitere auf rund 1.000 Metern auf dem Hohenpeißenberg. Vollautomatische Messstationen im Tal gibt es in Chieming und in Kiefersfelden. Mit der Auflösung der Wetterwarte auf dem Wendelstein entfallen somit Erkenntnisse auf einer bestimmten Höhe, Südostoberbayern hat dann keine besetzte Station mehr in und auf den Bergen. Aus den gemachten Erfahrungen werden in der Daten-Basis Lücken entstehen, die zu Ungenauigkeiten in der Wettervorhersage führen werden.

Nachdem die Klimaerwärmung (ansonsten ein Top-Thema in der Politik) in den Alpen extremer geworden ist, kann aus diesem Grunde von den Fachleuten nicht mehr nachvollzogen werden, wieso gerade dort bei den Messungen und Beobachtungen Einsparungen von der Politik vorgenommen werden, um den Wünschen der Haushalts-Verantwortlichen in Berlin nachzukommen. Auch für die heuer an und für sich jubilierende Wendelsteinbahn haben die eingeschränkten Daten einen Nachteil für den oftmals kurzfristig abzustimmenden Fahrbetrieb. Rund 2.700 Leute in 180 Gruppen, vor allem Schülerinnen und Schüler, waren heuer auf dem Wendelstein zu einem Besuch der Wetterwarte. Die kostenlosen Führungen fallen damit ebenso weg wie vielleicht manche der Gruppen insgesamt für einen Wendelsteinbesuch. Bereits zum 20./21. September ist der letzte personen-besetzte Dienst, dann wird die Beobachtung und Datenermittlung in der Wetterwarte eingestellt.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, selbst aus Oberbayern daheim und bester Kenner der Örtlichkeiten, hat sich nach den großen Protestwellen aus der Bevölkerung dafür eingesetzt, dass die Wetterwarte nicht ganz geschlossen wird. Das benachbarte Observatorium der Ludwig-Maximilians-Universität von München, das auch Interesse an den frei gewordenen Räumlichkeiten hat, möchte mit eigenen Messgeräten Grunddaten ermitteln und diese auf ihrer Internetseite zur Verfügung stellen. Aber deren Leute sind aufgrund ihrer All-Beobachtung nacht-aktiv. Das Problem bei Schneefall, Vereisung und Regen, insbesondere bei Übergangszeiten, wird damit nicht gelöst sein. Geräte frei machen und Schneeschaufeln wird nicht im Dienstplan der LMU-Beobachter stehen, die Werte von Luftfeuchtigkeit und Temperaturen können bei entsprechender Witterung oder Schneelage falsch werden. Für Claudia Hinz waren das oft anstrengende Situationen, zum Teil konnte sie wegen Wetter oder Revision der Bahnen mehrere Tage nicht mit der Wendelsteinbahn zu Tal fahren. Ihr Alleinsein auf dem Berg war allerdings auch ein Erlebnis. Mit Brot und Fisch in Dosen sowie mit Nudeln war sie auch für längere Zeit gut versorgt. Außerdem war sie nie ganz allein: Gämsen, Füchse, Schafe und Vögel waren stets vertrauens- und futter-erwartungsvoll rund um die Wetterstation. Das wird ihr ganz besonders fehlen, wenn sie in diesen Tagen ihren Wendelstein verlassen muss. Aber auch in der Traurigkeit sind Claudia Hinz und ihre Kollegen vom Wendelstein nicht allein.

Die derzeit 70 bemannten Wetterwarten sollen laut Planung des 1952 gegründeten Deutschen Wetterdienstes und des Bundesverkehrsministeriums bis zum Jahr 2020 auf nur noch 45 reduziert werden. Der Wendelstein ist dabei leider ein ganz besonders gravierendes Beispiel. Genau 50 Jahre wären es am 21. März 2013 geworden, dass die Wetterbeobachtungen und Aufzeichnungen auf der 1.838 Meter hohen Gipfelstation gewonnen werden und im Oktober 2013 wären die Wetteraufzeichnungen am Wendelstein 130 Jahre alt geworden. Diese Jubiläen können nicht mehr gefeiert werden, denn die Wetterbeobachtungen auf dem Wendelstein haben nicht gewonnen, sondern verloren.

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